14.3. bis 25.4. 2010
Herbert Linden
Mischtechnik/experimentelle Malerei auf Leinwand
Wilhelm Wiki
Papiercollagen
Fritz Martin
Öl-, Acryl -und Aquarellarbeiten auf div. Bildträger
Wie schon bei ihrer Ausstellung „Vierfalt der Formen“ zeigt die HLP Galerie auch in der aktuellen Schau die Arbeiten von (diesmal drei) Künstlern, die auf den ersten Blick nichts gemein haben, und dennoch ...
Die fast ausschließlich in Schwarz- und Weißtönen gehaltenen Leinwandbilder von Herbert Linden, die wie ein Raster oder Netz von Rissen, Schatten und spezifischen Mustern strukturiert werden, zeigen Spuren genauso wie die präzis gerissenen, gebrannten oder minutiös geschnittenen Papiercollagen von Wilhelm Wiki.
Selbst der dem deutschen Informel zuzurechnende Künstler Fritz Martin bildet da keine Ausnahme: seine informellen Öl-, Acryl- und Aquarellarbeiten sind zum Teil regelrecht übersät mit einem Netz von rätselhaften Zeichen und Kürzeln. „Die Realität hinterlässt nur noch chiffrierte Spuren“, schreibt Adam C. Oellers1, der im Falle von Martin von einem „lyrischen Informel“ spricht.
Überhaupt weisen die Arbeiten von allen drei Genannten über sich selbst hinaus, ergeben ein neues, assoziiertes, mehr oder weniger definierbares Ganzes, etwa eine Schneelandschaft, ein Tierfell, ein Fasan oder eine wie Hieroglyphen anmutende, lyrische Zeichenlandschaft – sie alle haben so etwas wie eine poetische Qualität.
Das, was die Bilder des Wahl-Kölners Herbert Linden ausmacht, sind Prozessspuren als Ergebnisse experimenteller Prozessideen. Konkret sind die ausgestellten Bilder Ergebnisse eines langwierigen Experimentierens mit eingefärbten, übereinander aufgebrachten Kasein- und Lackschichten, die aufeinander reagieren: jedes Bild zeigt somit den Bildaufbau als auch seine Zersetzung in einem und hat nichtsdestoweniger eine poetische Qualität.
Wie Stefan Neuburger2 treffend bemerkt, bewegt sich Lindens Arbeitsweise „zwischen Experiment und Kalkül“. Das Experiment zielt auf die herbeigeführte Reaktion von gegensätzlich aufeinander reagierende Materialien, die „immer wieder neue, überraschende Strukturen und Effekte erzeugen“, während Lindens Kalkül einen bestimmten Prozess nach künstlerisch-ästhetischem Urteil zu einem ganz bestimmten Augenblick abbricht – das Bild wird mit einer abschließenden Klarlackschicht fixiert, sodass der Reaktionsprozess abgeschlossen ist.
Es war der Expressionist Ernst-Moritz Engert, der den gebürtigen Aachener und heute (wieder) in Frankfurt ansässigen Künstler Wilhelm Wiki schon um 1970 in die Kunst des Scherenschnitts unterwies ... aber, nach seinen langen Ausbildungsjahren in Glasmalerei in Hadamar und in Freie und Monumentale Malerei am Frankfurter Städel, hat sich Wilhelm Wiki erst Jahrzehnte später wieder ausschließlich dem Material Papier zugewandt, als Impulsgeber, Werkstoff und Bildträger seiner Collagen. Dazwischen liegen viele Jahre, in denen sich der Künstler multimedialen Projekten, Rauminstallationen, monumentaler Malerei u. v. a. m. gewidmet hat.
Die gekonnte Kombination unterschiedlichster Papierarten, sei es Fetzen oder Fragmente von eigenen Arbeiten, von Kunstkalendern, -büchern und Zeitschriften, oder Bruchstücke diverser, anschließend colorierter Papiersorten wie etwa handgeschöpftes Aquarellpapier und Fotokarton, machen den Reiz, die Dynamik und das über die Fragmente und Schnipsel hinausweisende neue Ganze seiner Collagen aus, mögen sie sich auch noch so klein und womöglich ironisch auf einem großen weißen Blatt darbieten. Auch seine Arbeiten weisen übrigens das konstruktive und destruktive Moment in einem auf: mit der Schere, den Händen oder dem Bunsenbrenner wurde intaktes Papier oder gar ein gedrucktes Kunstwerk beschädigt und durch eine neue, kunstfertige Zusammenfügung mit anderen Bruchstücken ist ein (neues und) originales Kunstwerk entstanden.
Seinen Durchbruch hatte der 1909 in Rastatt geborene und 1995 in Stolberg gestorbene Autodidakt Fritz Martin erst 1959: mit einem seiner Gemälde zum Thema Radsport gewann er den ersten Preis für Malerei in einem Wettbewerb, den das Nationale Olympische Komitee (NOK) anlässlich der Olympischen Spiele in Rom ausgeschrieben hatte.
Elf Jahre zuvor hatte der ausgebildete Jurist in Stolberg bei Aachen, wohin er mit seiner Familie nach der Flucht aus Ostdeutschland gerade gezogen war, seine künstlerische Laufbahn begonnen. Hier kam er mit der Aachener Kunstszene zusammen und hier trat er in engen Kontakt mit den ebenfalls in Stolberg lebenden beiden Maler Fred Dahmen und Hanns Pastor, die wie Fritz Martin als bedeutende Vertreter des deutschen Informel in die Geschichte eingehen sollten. Wie diese wurde Martin Mitglied der ”Neuen Aachener Gruppe” (und etwas später der ”Gruppe 65”).
Dank dieser Einflüsse werden jetzt seine Bilder immer freier und lockerer, wird Martin ein Adept der nicht-gegenständlichen, häufig informellen Malerei. Seine ‚Handschrift’ sind zahllose, schnell mit dünnem Pinsel schwarz hinskizzierte, tanzende Linien, die sich hier oder da zu einer rätselhaften, hieroglyphenartigen Zeichensprache auf sanft changierenden Acryl-, Öl- oder Aquarellgründen verdichten. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre gehen die über den ganzen Bildträger verteilten Zeichengeflechte wieder zurück, zugunsten von nur noch wenigen graphischen Linien und zarten Farbstreifen und –flecken auf hell getünchtem Untergrund, sei es Sackleinen, Leinwand oder Karton. In einer letzten Phase seiner informellen Kunst beschäftigt sich der Maler wieder verstärkt mit der Collage, erstellt aus Drucksachen oder anderen Papiermaterialien, die er mit graphischen oder malerischen Strukturen versieht. Die Ausstellung zeigt vor allem Beispiele seiner informellen Arbeiten, die in der Mehrzahl auf die Zeit zwischen 1960 und 1970 zu datieren sind - wobei das genaue Entstehungsjahr bei einigen von ihnen nicht bekannt ist. Daneben wird zumindest ein Beispiel seiner Radsportbilder gezeigt sowie das eine oder andere Bild, das, allerdings in abstrahierender Manier, ebenfalls figürliche Malerei zeigt, ein Stil übrigens, den er neben dem Informel immer beibehalten hatte.
1In „Aufbruch im Westen – Die informelle Malerei der 50er und 60er Jahre in der Region Maas/Rhein, Joachim Melchers/Adam C. Oellers (HG.), Mönchengladbach 2006, S. 77
2 im Katalog ”Die Natur der Dinge“, Herbert Linden, anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Halle ‚Alte Rotation’ des Rheinischen Landesmuseums Bonn, RVBG, 2003, S. 4f